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Ludwig Hartmann: “Wir sehen keine Perspektive in der Olympia-Bewerbung. Die finanziellen Aus- und Nebenwirkungen der Spiele sind enorm. Sie müssen als Veranstalter Knebelveträge des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) unterschreiben. Da steht zum Beispiel die Steuerfreiheit für das IOC drin. Man muss sich das so vorstellen: Wir versuchen weltweit die Steueroasen auszutrocknen, das IOC holt sich die Steueroasen in jedes Austragungsland von Olympischen Spielen. Das kann man als Demokrat so nicht mittragen.”

Die Befürworter sagen, Olympische Spiele bekommt man eben nur nach den Regeln des IOC. Olympia bringe ja auch Aufsehen, Touristen und internationale Anerkennung.

Hartmann: “Wenn das so wäre, müssten ja Dutzende Bewerber Schlange stehen für die Olympischen Winterspiele 2022. Aber eigentlich gibt es nur zwei ernsthafte Bewerber, München und Oslo. Das ist doch ein Armutszeugnis. Und wenn München sich wirklich bewerben sollte und dann die Spiele bekäme, dann müsste man sicherlich mal bis zur letzten Instanz durchklagen, um zu überprüfen, ob dieser Ausrichtervertrag des IOC wirklich rechtlich haltbar ist.”

Wieso nicht?

Hartmann: “Ein Vertrag, der einseitig alle Lasten und Kosten auf den Ausrichter der Spiele abwälzt, und sogar dem IOC nach Vertragsabschluss ermöglicht, den Vertrag einseitig zu verändern, der ist nach meiner Auffassung sittenwidrig.”

Sagen Sie, Olympische Spiele würden überhaupt nichts bringen?

Hartmann: “Ich glaube nicht an einen Mehrwert. Einen Langzeiteffekt von Olympia gibt es nicht. Wenn man im Bayerischen Landtag über Olympia diskutiert und die Kollegen fragt, wo waren die vorletzten Winterspiele, dann ist es ruhig, keiner weiß es mehr. Und wenn man dann fragt, wer denn deshalb nach Turin gefahren sei, meldet sich auch keiner.”

Aber es sollen die “nachhaltigsten Spiele aller Zeiten“ werden.

Hartmann: “Naja, bei der Nordischen Kombination beispielsweise wäre man wieder auf eine temporäre Anlage in Ruhpolding angewiesen. Warum nutzen wir die Eishalle in Inzell nur für Medienvertreter und nicht Eisschnelllauf. Es heißt zwar immer wieder, elf der 16 Sportstätten sind schon vorhanden. Aber die letzten Jahre im Spitzensport haben eindeutig gezeigt, das heißt noch lange nicht, dass die heute bestehenden Anlagen 2022 noch die richtigen sind. Und ich sage Ihnen schon jetzt, da wird sich noch einiges ändern. Alleine bei der letzten Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2018 hat sich in drei Jahren soviel geändert – das jetzige Konzept wird sicher nicht das letzte sein.”

Immerhin werden jetzt angeblich 40 Prozent weniger Fläche in Garmisch-Patenkirchen für mögliche Olympische Spiele benötigt als bei der letzten Bewerbung für 2018.

Hartmann: “Ja, aber schauen wir auf den Klimawandel. Wir reden hier von Garmisch-Patenkirchen, also von einer Höhe von 700m. Eine Schneesicherheit für 17 Tage Ende Januar 2022 zu garantieren ist nur mit einem gewaltigen Energieeinsatz möglich. Man muss nur jetzt nach Garmisch rausfahren, da sieht man, das Wasser für die Schneekanonen wird künstlich gekühlt. Die Schneekanonen müssen bald beheizt werden, damit sie nicht einfrieren. Es ist absurd geworden. Das ist der falsche Weg. Die Olympischen Winterspiele sind ein massiver Eingriff in die Alpen.”

Das Interview führte Florian Bauer.

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